Wildschaden
Inhalte:
1. Meldefristen für Wildschäden und Regulierungstermine
2. Miteinander statt gegeneinander
3. Wildschaden verhüten geht vor vergüten
4. Vorgehensweise bei der Ermittlung von Wildschäden
5. Bericht über ein Wildschadensseminar
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Meldefristen für Wildschäden und Regulierungstermine

Die fristgerechte Anmeldung eines Wildschadens und dessen abschließende  Regulierung können je nach Sachlage zeitlich weit auseinander liegen. Eine exakte Schadensfeststellung ist häufig nur in der Ernte möglich. Zu kurze Meldefristen stehen einer zeitsparenden praxisgerechten Wildschadensregulierung in der Ernte oft im Wege. Dr. Günther Lißmann, Sachverständiger beim Regierungspräsidium in Kassel, plädiert für eine an die Kultur und an den Vegetationszeitpunkt angepasste Meldefrist.

Die unmittelbare Feststellung der Wildschäden nach ihrer Entstehung wird im Gesetz gefordert. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe: Zum einen können bei frischen Schäden die ersatzpflichtigen Schadensverursacher eindeutiger festgestellt werden. Zum anderen soll der Jagdausübungsberechtigte frühzeitig vom Schaden erfahren, damit er umgehend Maßnahmen zur Wildschadensvermeidung ergreifen kann. Liegt zwischen Schadenseintritt und Schadensfeststellung ein längerer Zeitraum, so kann das insbesondere für den geschädigte Landwirt zum Problem werden, da er möglicherweise nicht mehr eindeutig nachweisen kann, dass der Schaden von schadensersatzpflichtigen Wildtieren (nach § 29 BJagdG sind das Schalenwild, Wildkaninchen oder Fasanen) ausgegangen ist.

Fristen

Die Fristen für die Anmeldung werden im § 34 BJagdG „Geltendmachung des Schadens“ wie folgt definiert: „Der Anspruch auf Ersatz von Wildschäden im Feld erlischt, wenn der Berechtigte den Schadensfall nicht binnen einer Woche, nachdem er von dem Schaden Kenntnis erhalten hat oder bei Beachtung gehöriger Sorgfalt erhalten hätte, bei der für das geschädigte Grundstück zuständigen Behörde anmeldet.“  Die Frist beginnt an dem Tag, an welchem der Landwirt Kenntnis vom Schaden erhielt, oder an dem Tag, an dem er bei gehöriger Sorgfalt Kenntnis erhalten hätte. Sie endet mit Ablauf des gleichen Tages in der folgenden Woche. Ist der letzte Tag ein Samstag, Sonntag oder Feiertag, endet die Frist erst am folgenden Werktag.  

Im Grundsatz wird hier vom Schadenseintritt bis zur Meldung eine Wochenfrist festgeschrieben. Der zweite Satzteil mit der Formulierung „… oder bei Beachtung gehöriger Sorgfalt erhalten hätte“ erweitert für einen unbestimmten Sachverhalt die Frist wieder auf unbestimmte Zeit, wenn der Schaden innerhalb der Wochenfrist nicht bemerkt wurde.  Die Rechtsprechung akzeptiert für diesen Fall aber nicht einen beliebig langen Zeitraum, sondern begrenzt diesen i. d. R. auf 4 Wochen. In der juristischen Literatur wird demzufolge auch schon seit langem kommentiert, dass Wildschäden, die bei Kenntniserlangen bereits älter als ein Monat sind, nicht mehr zu ersetzen sind, weil der Landwirt seine Felder mindestens monatlich kontrollieren muss (s. Mitschke/Schäfer). Letztlich beginnt die Wochenfrist für den Landwirt zur Schadensmeldung immer dann, wenn er zwar keine Kenntnis vom Schaden hat, bei Beachtung der erforderlichen Sorgfalt von dem Schaden aber schon früher hätte wissen müssen.

Erforderliche Sorgfalt

Wird die Wochenfrist von der Entstehung des Schadens bis zu seiner Anmeldung nicht eingehalten, entsteht oft der Streit um die Frage, wann der Geschädigte bei Beachtung gehöriger Sorgfalt von dem Schaden Kenntnis hätte erlangen können. Der Landwirt ist zwar grundsätzlich gehalten, seine Felder in regelmäßigen Abständen zu kontrollieren, wie lange diese Abstände sein können, ist jedoch gesetzlich nicht festgelegt. Die Kontrollabstände für einen Feldschlag sollten sich daher nach dem jeweiligen Wildschadensgefährdungspotential richten, welches durch die Lage des Feldschlags in der Feldgemarkung (z. B. Waldrand), der angebauten Kultur und dem Vegetationsabschnitt, in dem sich der Pflanzenbestand befindet, bestimmt wird. Grundsätzlich sollte gelten: Je größer die Gefahr der Entstehung von Wildschaden im konkreten Fall ist, desto kürzer ist der Zeitraum für die Kontrollpflicht. Im umgekehrten Fall bedeutet das aber auch, dass bei geringem Gefährdungspotential und außerhalb der Vegetationsperiode die Kontrollfrist deutlich über den derzeitigen Fristen von einer bzw. vier Wochen hinaus verlängert werden könnte.

Erweiterung der Meldefrist

Eine Definition der erforderlichen Sorgfalt kann nicht so weit gehen, dass ein Landwirt wöchentlich oder alle 4 Wochen seine gesamten Schläge auf mögliche Wildschäden kontrollieren muss. Aus meiner fachlichen Sicht sollten sich die Meldefristen am o. g. Gefährdungspotential orientieren. So wäre bei erhöht gefährdeten Flächen, wie beispielsweise frisch gelegtem Mais, eine Wochenfrist einzuhalten. Bei Grünland außerhalb der Vegetationszeit, beispielsweise im Zeitraum von November bis Februar, wäre dagegen eine Erweiterung der Meldefrist auf 4 Monate denkbar. Ob eine Wildschweinrotte das Grünland im November oder im Februar umdreht ist, für die Schadensfeststellung und Schadensreparatur im zeitigen Frühjahr, relativ unerheblich. Bei der Wildschadensregulierung außerhalb des förmlichen Verfahrens sollte man sich mit Jagdpächter und Jagdgenossenschaft auf solche dem Gefährdungspotential angepasste Meldefristen einigen. Die über den Winter entstandenen Grünlandschäden könnten so, Ausgang des Winters aufgenommen werden und im gesamten Revier oder noch mit Nachbarrevieren gemeinsam, von einem Auftragnehmer mit einer Spezialmaschine kostengünstig repariert werden. Gerade beim Grünland könnte so das komplizierte offizielle Vorverfahren mit der kontinuierlichen Anmeldung von permanenten Neuschäden und deren Differenzierung bezüglich der Altschäden wesentlich vereinfacht werden. Wenn die Rechtsprechung dann noch solchen praxisangepassten Meldefristen folgen würde, wäre das ein Schritt in die richtige Richtung.


Solche Wildschäden können im Winter auch nach 4 Monaten noch eindeutig als Wildschäden indendifiziert werden.                                                                                                                                       Foto: Dr. Lißmann 

Schläge nicht einsehbar

Ein weiteres Problem derzeitiger Meldefristen ist, dass die Schläge immer größer werden und Schläge etwa über 5 Hektar oft nicht komplett einsehbar sind. Gerade bei Raps oder mit Mais bestellten Flächen, in topographisch ungünstigen Lagen, können Wildschäden erst bei der Ernte entdeckt werden. Solche Schäden sind oft eindeutig als Wildschäden zu identifizieren, aufgrund der engen Meldefristen aber in der Regel nicht mehr fristgerecht anzumelden. Gleiches gilt für schneebedeckte Acker- und Grünlandflächen, die ebenfalls über mehrere Wochen nicht einsehbar sind. Bezüglich der Fristen hat sich hier in der Rechtsprechung eine sehr formale Betrachtung herausgebildet, die dringend an die Produktionspraxis anzupassen ist.

Praxisgerecht wäre es, wenn der Landwirt während der Ernte festgestellte Wildschäden problemlos auf einmal anmelden könnte. Naturgemäß handelt es sich dann oft um Alt- und Neuschäden. Sind die Schäden eindeutig als Wildschäden erkennbar, so sollten sie als fristgerechte Anmeldungen anerkannt werden, auch wenn sie teilweise älter als eine Woche / einen Monat sind und vorher mit der üblichen Bestandsbeobachtung nicht erkannt werden konnten.

Schadensermittlung nach der Ernte

Der Trend zu größeren Feldschlägen lässt eine abschließende Wildschadensfeststellung häufig nur nach Abschluss des Erntevorgangs zu. Ertragsniveau, Schädigungsgrad und geschädigte Fläche sind wichtige Parameter für die Ermittlung des Aufwuchsschadens und können zuverlässig nur in der Ernte bzw. nach der Ernte zweifelsfrei bestimmt werden.

§ 31 BJagdG führt dazu aus: „Werden Bodenerzeugnisse, deren voller Wert sich erst zur Zeit der Ernte bemessen lässt, vor diesem Zeitpunkt durch Wild beschädigt, so ist der Wildschaden in dem Umfang zu ersetzen, wie er sich zur Zeit der Ernte darstellt.“ In dem am Schadensort von der Gemeinde anberaumten Termin kann jeder Beteiligte beantragen, dass der Schaden erst in einem späteren, kurz vor der Ernte abzuhaltenden Termin festgestellt werden soll. Diesem Antrag muss stattgegeben werden (§ 36 Abs. 2 HJagdG). Vergleichbar ist dieser Hinweis in allen Landesjagdgesetzen zu finden. Die Formulierungen in den Landesgesetzen „…kurz vor der Ernte“ oder im BJagdG „… zur Zeit der Ernte“ beziehen sich nur auf die Ermittlung des Schadens an sich, aber nicht auf dessen genaue abschließende Ermittlung. Heutige Produktionsverfahren lassen eine abschließende, zuverlässige Schadensfeststellung weder „kurz vor der Ernte“ noch „während der Ernte“ zu. In diesen Fällen bietet es sich an, den Wildschaden nach der Ernte anhand der am Boden liegenden Halme/Stengel abzuschätzen. So können alle Schadstellen gefunden und begutachtet werden. Die korrekte Schadensfeststellung nach der Ernte ist aus meiner Sicht rechtlich nicht zu beanstanden.

Das oft genannte Argument, in und nach der Ernte können im Zweifel die Wildschadensverursacher nicht mehr eindeutige zugeordnet werden, hat in der Praxis eine wesentlich geringere Bedeutung, als die vielen nicht gezahlten Wildschäden wegen Fristversäumnissen.

Dr. Günther Lißmann, RP Kassel  





Neue Richtsätze für Aufwuchsschäden 2014/15 (siehe Menüpunkt "Richtwerte")

Miteinander statt gegeneinander

Landwirtschaft und Jagd erfordern gegenseitiges Verständnis

Landwirte und Jagdpächter nutzen die gleichen Flächen. Der Landwirt hat das Ziel, seine Flächen zu bewirtschaften, möglichst wenig Wildschaden zu haben und als Mitglied der Jagdgenossenschaft einen angemessenen Betrag als Jagdpacht für die eingebrachten Flächen zu bekommen. Der Jagdpächter verfolgt das Ziel, einen Jagdbezirk zu begehen, in dem eine entsprechende Wilddichte und Wildvielfalt vorhanden ist, denn nur dafür ist er bereit, eine angemessene Jagdpacht zu zahlen. Eine höhere Wilddichte bewirkt einen höheren Wildschadensdruck und hier wird deutlich, dass Landwirte und Jagdpächter konkurrierende Ziele verfolgen. Wenn der Zielerreichungsgrad des einen ansteigt, sinkt der des anderen und umgekehrt. Die Lösung des Problems liegt im gegenseitigen Verständnis und dem gemeinsamen Ziel, Wildschäden zu verhüten und Entschädigungsleistungen über „gütliche Einigungen“ zu vereinbaren.

Im §1 des Bundesjagdgesetzes (BJG) wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass mit dem Jagdrecht auch die Pflicht zur Hege verbunden ist. §1 (2) führt dazu aus:

„Die Hege hat zum Ziel die Erhaltung eines den landwirtschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlage. Die Hege muss so durchgeführt werden, dass Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere Wildschäden, möglichst vermieden werden.“

Der zweite Satz im § 1 Abs. 2 weist darauf hin, dass die Hege so durchgeführt werden soll, dass Beeinträchtigungen der ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung in Folge von Wildschäden nicht entstehen sollen. Was ist zu tun, wenn ein Jagdpächter seinen Verpflichtungen gemäß § 1 BJG nicht nachkommt?

Bei Rot- und Rehwild existieren vorgegebene Abschusspläne, die je nach Wildschadensituation durch die Untere Jagdbehörde angepasst werden können.  Für das Schwarzwild, die größten Schadensverursacher auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen, gibt es solche Vorgaben nicht. Jagdfachliche Gründe wie beispielsweise, dass sich Schwarzwildbestände in einem Revier sehr schnell verändern und der Jagdpächter an einen Abschussplan gebunden wäre und nicht situativ kurzfristig auf das aktuelle Schwarzwildvorkommen reagieren könnte, sprechen dagegen. Sollte ein Jagdpächter im Hinblick auf seine Hegeverpflichtung der Bestandsregulierung beim Schwarzwild nicht nachkommen und dadurch eine „ordnungsgemäße Landwirtschaft“ nicht mehr möglich sein, dann könnte auch hier die Untere Jagdbehörde Zwangsbejagungsmaßnahmen anordnen. Solche Zwangsmaßnahmen sind bei Schwarzwild aber nur schwer begründbar und mir ist auch kein Fall bekannt, dass eine solche Zwangsbejagung für Schwarzwild schon einmal angeordnet worden wäre. Ist ein Jagdrevier von hohen Wildschäden betroffen, so kann das Problem nur gemeinsam von Jagdpächter, Jagdgenossenschaft und Landwirten gelöst werden. Hohe Schwarzwildbestände sind nicht ausschließlich dem Jagdpächter anzulasten, sondern auch den sich verändernden Klima- und Anbaubedingungen. Weniger kalte Wintermonate, häufigere Mastjahre, ausgedehnte Naturverjüngungsflächen in den Wäldern und große Ackerschläge mit Raps, Getreide sowie Mais bieten dem Schwarzwild ganzjährig ideale Deckung und ein reichhaltiges Futterangebot.   

Voraussetzung für die Lösung der stark zunehmenden Wildschadenproblematik sind engagierte Jagdpächter aber auch Landwirte, die ihren Beitrag zur Wildschadenverhütung leisten. Der Jagdpächter sollte alle Möglichkeiten zur Bestandsreduzierung ausschöpfen und der Landwirt sollte auch Leistungen erbringen zu denen er gesetzlich nicht unbedingt verpflichtet ist. Zu Letzterem gehören beispielsweise: Schussschneisen in großen Mais- und Rapsschlägen anlegen, zwischen Kultur und Waldrand ausreichend Platz lassen sowie einen Beitrag zur Zäunung und deren Instandhaltung leisten.

Die im neuen EU-Prämienrecht für die Landwirtschaft geltenden Vorschriften und die von den Ländern angebotenen Agrarumweltmaßnahmen (AUM) bieten zukünftig eine breite Palette von Möglichkeiten zur Wildschadensverhütung. Maßnahmen wie beispielsweise ein- und mehrjährige Blühstreifen oder Blühflächen, Ackerrandstreifen, Gewässer- und Erosionsschutzstreifen, Stilllegungs- sowie Ackerwildkräuterflächen, die für das Greening und AUM angerechnet werden, können zukünftig einen signifikanten Beitrag zur Wildschadenverhütung leisten. Gerade die Greeningmaßnahmen, die ohnehin umzusetzen sind sollten für die Wildschadensverhütung konsequent genutzt werden. Voraussetzung ist, dass alle im Jagdrevier wirtschaftenden Landwirte ihren Beitrag leisten.  

Sind alle Maßnahmen zur Wildschadensverhütung ausgeschöpft, so gilt es die dennoch entstehenden Wildschäden einvernehmlich zu regeln. Wildschadensverhütung geht nur miteinander nicht gegeneinander. Wenn Jagdpächter und Landwirte, wie in einigen Jagdrevieren der Fall, nur auf ihren Rechten beharren endet die Jagdverpachtung im Chaos. Nur mit gemeinsamen Anstrengungen, lässt sich das aus einer eindeutig wachsenden Wildschweinpopulation (s. Übersicht)  resultierende Wildschadensproblem lösen.     

Dr. Günther Lißmann, September 2014


         Wildschaden verhüten geht vor vergüten

Richtwerte zur Ermittlung von Aufwuchsschäden in landwirtschaftlichen Kulturen sind eine wertvolle Hilfe für Wildschadenskalkulationen. Noch hilfreicher ist eine wirksame Schadensverhütung, um Schäden gar nicht erst entstehen zu lasse. Neben der Darstellung der aktuellen Richtwerte, erörtert Dr. Günther Lißmann, Regierungspräsidium Kassel, auch Möglichkeiten zur Wildschadensverhütung.

Hat der Jagdpächter im Jagdpachtvertrag die gesetzliche Wildschadenshaftung übernommen, muss er entstandene Wildschäden, wenn diese von Schalenwild, Wildkaninchen oder Fasanen verursacht wurden, ersetzen. Das sich daraus ergebende Haftungsrisiko aber auch seine Hegeverpflichtung gemäß § 1 Abs. 2 Bundesjagdgesetz (BJG), mit dem Ziel Wildschäden möglichst zu vermeiden, sind Ansporn genug, alle Möglichkeiten zur Wildschadensverhütung zu nutzen. Wildschadensverhütung wird nicht nur vom Jagdpächter gefordert, sondern auch vom Landwirt. Der § 32 BJG ist sinngemäß so zu interpretieren, dass der bewirtschaftende Landwirt Schutzvorkehrungen ermöglichen muss und diese zu dulden hat. Der § 254 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) „Mitverschulden“ geht noch weiter und fordert an der Schadensverhütung mitzuwirken. Je nach Schadensanfälligkeit der Kultur ist laut BJG ein Mehr oder Weniger an Mitwirkungspflicht zu verlangen.

Dr. Günther Lißmann, Sachverständiger für Wildschadensregulierung

Wildschadensverhütung

Wirksame Wildschadensverhütung besteht nicht aus einer Maßnahme sondern aus der Vielzahl von Aktivitäten, die nur zusammen auf Dauer zum gewünschten Erfolg führen. Das Schwarzwild ist Problemwildart Nummer eins bei den Feldwildschäden. Für seine erfolgreiche Bejagung müssen die jagdtechnischen Möglichkeiten in vollem Umfang genutzt und die nötige Motivation dafür geschaffen werden. Schwarzwild sollte im Wald nur an wenigen Tagen im Jahr aber dann konsequent, im Rahmen von gut organisierten Bewegungsjagden auf die angestrebte Wilddichte reduziert werden. Darüber hinaus muss für Schwarzwild im Wald Ruhe herrschen aber im Feld die ganzjährige Jagd eröffnet sein. Sind im Wald noch entsprechende Ablenkfütterungen mit Suhlen, Althölzern zum Brechen und einer Äsungsfläche vorhanden, gibt es für das Schwarzwild an 360 Tagen im Jahr weniger Gründe im Feld und hier insbesondere auf Grünland sowie im Mais Schäden anzurichten. Mit Mais bebaute Wildäcker an geeigneten Waldanschlussflächen sind eine gute Ergänzung. Sie eignen sich nicht nur um Strecke zu machen, sie halten auch die Schwarzkittel vom teuren Mais der Landwirte fern. Alle jagdlichen Maßnahmen, einschließlich großzügig angelegter Bejagungsschneisen in großen Maisschlägen, können Schäden in gefährdeten Revierbereichen jedoch nicht völlig verhindern. Zusätzlich ausprobieren kann man Vergällungs- und Verstänkerungsmittel sowie optische und akustische Wildscheuchen. Bei diesen Mitteln tritt beim Wild aber schnell eine Gewöhnung ein und sie sind somit nur in Randbereichen und auf weniger gefährdeten Flächen einsetzbar. Als bewährter und wirksamer Wildschadenschutz sind gerade in Waldnähe, Elektrozäune zu empfehlen.

Zäunung

Insbesondere für Mais, nach der Aussaat und ab der Milchreife, ist ein guter und fachkundig aufgestellter Elektrozaun eine zuverlässige Wildschadensabwehr. Voraussetzung ist ein hochwertiges und leistungsfähiges Weidezaungerät. Für längere Zäune im Dauerbetrieb sind 12-Volt-Akkugeräte zu empfehlen. Zur Wildschadensabwehr sollte die Spannung in allen Bereichen des Zaunes mindestens 4.000 Volt, besser 8.000 Volt betragen. Als Zaunpfähle haben sich Kunststoffpfähle bewährt, welche sich leicht transportieren lassen und einen schnellen Aufbau ermöglichen. Der Pfahlabstand sollte 6 m nicht überschreiten. Für die Ecken sollten dicke Holz- oder spezielle Kunststoffpfähle, die sich nach dem spannen des Zaunes nicht schief ziehen, verwendet werden. Gerade an den Ecken müssen die Pfähle gut verankert sein, damit die Zaunspannung erhalten bleibt. Für die Bespannung sind zwei, besser drei Drähte erforderlich. Die Drähte/Litzen sollten auf etwa 20, 50 und 80 cm angebracht werden. Bewährt haben sich Kunststofflitzen mit 1 cm Breite. Der Zaum ist dann für Wild gut sichtbar und verhindert sowohl eine Unterquerung als auch ein Überspringen. Alle 50 m werden die Litzen miteinander verbunden um einen gleichmäßigen Stromfluss zu gewähren. Voraussetzung für die dauerhafte Funktionstüchtigkeit ist eine regelmäßige Kontrolle und das Freihalten des Zaunes vor Bewuchs. Hier können mechanische Geräte oder auch zugelassene Herbizide zum Einsatz kommen.

Herkömmliches Draht- bzw. Litzensystem  Fotos: Lißmann 

Vormontierte Zaunelemente

Die führenden Hersteller mobiler Zaunsysteme bieten inzwischen eine sehr ausgereifte Zaun- und Batterietechnik an. So gibt es vormontierte Systemteile, die sich als Netz- oder Litzensystem mit eingebauten Stangen und mitgeliefertem Haspel, zeitsparend auf- und abbauen lassen. So ist mit vertretbarem Zeitaufwand und bei überschaubaren Kosten eine wirksame Wildschadensabwehr möglich. Wenn sich Bewirtschafter und Jagdpächter dann noch zusammenraufen und gemeinsam die Zäunung vornehmen und die Jagdgenossenschaft sich an den Kosten zur Beschaffung des Zaunmaterials beteiligt, ist ein wichtiger Schritt zur Wildschadensabwehr getan. Die Zäunung ist einerseits zwar mit Zeit- und Kostenaufwand verbunden, zählt aber bei fachgerechtem Aufbau zu den wirksamsten Maßnahmen der Wildschadensverhütung.

Vormontierte Zaunelemente für schnellen Aufbau

Greening

Zukünftig werden die Landwirte, wenn sie ihre Flächenprämien voll ausschöpfen wollen, um Greeningmaßnahmen auf voraussichtlich 5 % der Ackerflächen nicht vorbei kommen. Diese ökologischen Vorangflächen können sehr gut für Maßnahmen der Wildschadensverhütung eingesetzt werden. Landwirte haben damit eine ideale Möglichkeit an wildschadensbefangenen Waldrandlagen entsprechende Ackerrandstreifen als Greeningflächen zu reservieren. Der Jagdpächter seinerseits könnte darauf Äsungsflächen anlegen und zwischen Maisfeldern und angrenzendem Wald solche Streifen als Bejagungsschneisen nutzten. Bei entsprechender Pflege ist auf solchen Streifen ein- und auswechselndes Wild zu kontrollieren und solche Randstreifen bieten auch genügend Platz, um gerade zwischen Wald und Feld, bei wildschadensgefährdeten Kulturen entsprechende Elektrozäune zur zuverlässigen Wildschadensabwehr zu installieren.

Zäune sind zu dulden

Laut Urteil des Landgerichts Koblenz vom 21.05.2010 kann ein Geschädigter kein Wildschaden verlangen, „… wenn er vom Jagdausübungsberechtigten zur Abwehr von Wildschäden getroffene Maßnahmen, wie beispielsweise einen Elektrozaun, unwirksam macht. Ebenso werde behandelt, wer die Errichtung von Schutzmaßnahmen von vornherein ohne triftigen Grund untersagt“. Beispiele für eine schuldhaft herbeigeführte Unwirksamkeit sind: Der Zaun wird vom Bewirtschafter zerstört und nicht umgehend repariert. Ein Zaun wird für die Bewirtschaftung geöffnet und vergessen zu schließen. Der Bewirtschafter sieht, dass der Zaun defekt ist und er hält es nicht für nötig, ihn zu reparieren oder den Schaden dem Jagdpächter mitzuteilen. In gleicher Weise ausgeschlossen ist der Ersatzanspruch, wenn der Landwirt die Errichtung eines Schutzzaunes ohne triftigen Grund verbietet oder die Erstellung eines Zaunes unmöglich macht. Letzteres gilt insbesondere, wenn der Jagdausübungsberechtigte sich bereit erklärt, den durch die Schutzmaßnahme entstehenden Ernteausfall zu ersetzen. Dieser Fall ist z. B. gegeben wenn für die wirksame Erstellung eines Zaunes, eine Reihe Mais vorher zu entfernen ist. Darüber hinaus ist die Freihaltung der Randflächen, die nicht zum bewirtschafteten Grundstück gehören, eine Selbstverständlichkeit.

Die Richtwerttabellen 1 und 2 zur Kalkulation von Aufwuchsschäden an landwirtschaftlichen Marktfrüchten und Futterpflanzen für das Wirtschaftsjahr 2013/14 sind unter dem Menüpunkt "Richtwerte" erhältlich. Unter diesem Menüpunkt finden Sie auch die aktuellen Richtwerte für ökologisch wirtschaftende Betriebe und weitere Kennwerte zur Wildschadensregulierung.

Dr. Günther Lißmann, September 2013

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Vorgehensweise bei der Ermittlung von Wildschäden

Für die Wildschadensschätzung sind die jährlich aktuell erscheinenden Richtwerte für Aufwuchschäden ein unverzichtbares Hilfsmittel zur Erstellung der Schadensgutachten. Im folgenden Artikel erläutert Dr. Günther Lißmann, Sachverständiger aus Kassel die Vorgehensweise bei der Wildschadenskalkulation und die Anwendung der Richtwerttabellen.

Wird der Wildschadensschätzer von der Gemeinde zur Schadensfeststellung im Vorverfahren beauftragt, so hat er vor der Schadensfeststellung grundsätzlich drei Fragen zu klären:

  1. Wurde der Schaden vollständig oder teilweise von ersatzpflichtigen Wildtieren (nach Bundesjagdgesetz: Schalenwild, Wildkaninchen und Fasanen) verursacht? Bei Unsicherheiten zur Schadensursache ist der Geschädigte beweispflichtig.
  2. Handelt es sich bei dem Schaden um schadensersatzpflichtige oder um nicht schadensersatzpflichtige Kulturen?
  3. Befindet sich der Wildschaden auf bejagbarer Fläche oder in einem befriedeten Bezirk wo die Jagd ruht?

Normalertrag ermitteln

Haben Wildschadenschätzer und Schadensbeteiligte im Ortstermin, durch die eindeutige Beantwortung dieser Fragen die Schadensersatzpflicht festgestellt, kann für den Wildschadensschätzer die Schadenskalkulation beginnen. Grundsätzlich gilt: Was auf der Schadensfläche unter dem nicht durch Wildschaden geschädigten Normalertrag liegt, ist Schaden. Die schwierigsten Fragen sind demzufolge: Wie hoch wäre der Normalertrag ohne Wildschaden gewesen und wie hoch ist der Restertrag noch auf der vom ersatzpflichtigen Wild geschädigten Fläche? Generelle Aussagen zum Normalertrag im Erntejahr können nicht gemacht werden. Das Ertragsniveau ist immer abhängig von der durchschnittlichen Standortbodenqualität und der individuellen Bewirtschaftungsintensität durch den Landwirt. Bei wechselnden Bodenqualitäten innerhalb des Schlages und Waldrandlagen können je nach Lage der Schadensfläche auch noch besondere Zu- und Abschläge erforderlich werden.

Erträge bei Mähdruschfrüchten

Solange noch Teilbestände auf dem Feld vollkommen unbeschädigt geblieben sind, was in der Regel der Fall ist, kann die Feststellung des Normalertrags in diesen Teilabschnitten erfolgen. Gerade bei Getreidebeständen kommt es hier auf das geübte Auge und auf langjährige praktische Erfahrung des Schätzers an, um Erträge auf dem Halm sicher schätzen zu können. Bei der Schätzung von Totalschäden oder flächendeckenden Teilschäden, muss von vergleichbaren Beständen ausgegangen werden, die nicht unmittelbar am Schadensort stehen. Letztlich lässt sich auch auf statistische Werte aus dem gleichen Gebiet zurückgreifen, bei denen noch begründete Zu- oder Abschläge vorgenommen werden können.

Reihenfrüchte bewerten

Bei Reihenfrüchten lassen sich fast immer ausreichend ungeschädigte Pflanzen in der Reihe finden, von denen ausgehend der Normalertrag pro Hektar bestimmt werden kann. Entweder durch das geübte Auge des Schätzers oder durch Probeerntung. Für Letzteres ist eine Fläche von drei bis fünf Quadratmetern, verteilt über einen Hektar zu ernten und zu wiegen. Das Ergebnis kann dann auf den Hektarertrag hochgerechnet werden. Ein Quadratmeter Erntefläche lässt sich leicht bestimmen, indem man 1 durch den Reihenabstand in Meter dividiert. Man erhält so den Reihenabschnitt in Metern der für einen Quadratmeter Erntefläche zu roden/ernten ist. Bei einem Reihenabstand bei Mais von beispielsweise 0,625 m beträgt der Reihenabschnitt in der Reihe (1 : 0,625 m) gleich 1,6 m, um genau die Probeerntung für einen Quadratmeter Mais durchzuführen. Bei Kartoffeln mit einem Reihenabstand von beispielsweise 0,75 m beträgt der Reihenabschnitt für die Probeerntung von einem Quadratmeter (1 : 0,75 m) gleich 1,33 m.

Grünlanderträge

Einen einfachen Weg zur Ermittlung des Grünlandertrags zu finden ist noch schwieriger. Probeerntungen sind hier sehr aufwendig. Eine für den Wildschadensschätzer praktikable Lösung ist dagegen die Ableitung des Grünlandertrags von Nutzungsform und Bewirtschaftungsintensität. Eine ausführliche Tabelle dazu findet sich im Internet bei  www.lissmann.eu  unter <Richtwerte>. Dazu muss man an der geschädigten Grünlandfläche nur erkennen, ob es sich beispielsweise um eine Hutung, Mähweide, intensive Silagenutzung etc. handelt und kann dann dafür in der Tabelle die entsprechenden Schadensersatzrichtwerte ablesen. Bei der Ermittlung der Grünlandschäden ist darauf zu achten, dass die Schadensersatzleistung sich immer aus den beiden Schadenspositionen Aufwuchsschaden und Reparaturkosten für die Grasnarbe zusammen setzt.

Feststellen der Schadensfläche

Nachdem der Schätzer die Schadensursache und den Normalertrag festgestellt hat, bleibt seine Aufgabe, den tatsächlichen Schaden zu ermitteln. Dabei gilt es zunächst einmal die genaue Schadensfläche auszumessen. Dafür können Maßband, Feldzirkel, Messrad oder elektronische Entfernungsmesser zum Einsatz kommen. Danach gilt es festzustellen, wie hoch der prozentuale Schaden auf der Schadensfläche ist. Dieser kann anlässlich der Schadensfeststellung im Erntezeitraum zwischen ein Prozent bei beispielsweise leichtem Rehverbiss und 100 Prozent bei Totalschaden durch beispielsweise Wildschweine, taxiert werden.

Typische Schwarzwildschäden im Getreide                                                       Foto: Lißmann  

Totalschäden

Bei Totalschäden ist die geschädigte Fläche in Quadratmetern mit dem jeweiligen Schadensersatzrichtwert pro Quadratmeter aus der Richtwerttabelle zu multiplizieren. Je nach Kulturart und ermittelter Ertragsstufe ist der entsprechende Richtwert in der Tabelle auszuwählen. Wenn der Totalschaden sich auf einen kompletten Schlag bezieht oder in einem großen Schlag eine zusammenhängende Fläche von über einem Hektar einnimmt, können möglicherweise auch noch einsparbare Kosten geltend gemacht werden. Zum Beispiel könnten eingesparte Ernte-, Transport- und Einlagerungskosten den Schaden mindern. Dafür sind dann aber mögliche Aufräumkosten in Rechnung zu stellen. Tabellen über einsparbare Kosten für nicht durchgeführte Teilarbeitsgänge sind ebenfalls unter der Internetadresse www.lissmann.eu einsehbar.

Teilschäden

Wenn Schäden über den gesamten Schlag diffus verteilt sind, stellt der Schätzer durch überschlägige Schätzung fest, um wie viel Prozent der Normalertrag auf der Gesamtfläche reduziert ist. Die Schadensberechnung aus Schlaggröße in Quadratmetern multipliziert mit dem Schadensersatzrichtwert pro Quadratmeter wird dann noch um den prozentualen Schädigungsgrad (0,01 bis 1) erweitert.

Beispiel:

Schwarzwild hat auf einem 1,2 ha Haferschlag, diffus verteilt etwa 10 % des Getreides verbissen und zertreten. Daraus ergibt sich folgende Schadensberechnung:

12.000 m2 Schadensfläche x 0,1 Schädigungsgrad x  0,14 €/ m2 (s. Richtwerttabelle, Ertragsstufe III) = 168 € Schadensersatz

Schlagzerlegung

Zeigt ein großer Schlag sehr unterschiedliche Wildschadenssegmente auf, so kann der Schlag auch in Teilflächen zerlegt werden und den Teilflächen können unterschiedliche Ertragsstufen und Schädigungsgrade (0,01 bis 1) zugeordnet werden.

Beispiel: Rotwild hat einen Haferschlag von 5 ha in unterschiedlichen Teilsegmenten beäst und zertreten:                  

Teilsegment

Größe

Schädigungsgrad

Ertragsstufe

€/m2

Schadensersatz

1

0,8 ha

0,3

III

0,14

336 €

2

0,5 ha

0,8

II (wegen  Waldrandlage)

0,12

480 €

3

1,0 ha

0,1

III

0,14

140 €

Wildschadensersatz insgesamt:

956 €

Ersatzfrucht als Schadensminderung

Waren die o. g. Beispiele Kalkulationen für den Schadensersatz in der Ernte, soll nun noch ein Beispiel gebracht werden für den Schadensersatz in Verbindung mit der Neuansaat einer Ersatzfrucht als Schadensminderungsmaßnahme.

Beispiel:

Totalverlust von 1 ha Winterraps im März durch Rotwild, erwarteter Ertrag 40 dt, dafür Ersatzaussaat von 1 ha Sommerweizen als Schadensminderungsmaßnahme.

1. Kosten für die zusätzliche Sommerweizenaussaat

Teilarbeitsgang

variable Maschi-nenkosten/ha

Produktions-mittel/ha

Arbeits-kosten/ha

Summe in €

Pflügen, 4 Schare

64,00 €

 

38,00 €

102,00 €

Saatbettbereitung

18,00 €

 

  11,60 €

29,60 €

Aussaat

15,50 €

114,00 €

16,80 €

    146,30 €

Pflanzenschutz

  4,30 €

50,00 €

  5,60 €

59,90 €

Summe

101,80 €

  164,00 €

72,00 €

337,80 €

Quelle: KTBL-Datensammlung und eigene Berechnungen, AK-Stunde = 20 €

2. Marktwertdifferenz zwischen Raps und Sommergerste

Raps:

40 dt x 1 ha x 51 € = 2.040 €

Sommerweizen:

65 dt x 1 ha x 24,5 € = 1.592 €

Marktwertdifferenz:      448 €

Schadensersatz (Aussaatkosten 338 € + Marktwertdifferenz 448 €)

Der Wildschadensersatz beträgt in diesem Beispiel 786 €.

Stand: 06.09.2012

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Bericht über ein Wildschadensseminar:

Verfahrensablauf und Bewertung von Wildschäden

Wie Wildschäden ohne Streit zu bewerten und zu regulieren sind, darüber referierte, auf Einladung der „Hegegemeinschaft I des Maintaunuskreises“, Dr. Günther Lißmann. Landbewirtschaftung und Jagd verlangen gegenseitiges Verständnis und gemeinsame Anstrengungen zur Schadensverhütung, betonte er einleitend. Eine gütliche Einigung über dennoch entstandene Wildschäden wird für Landwirte und Jagdpächter umso einfacher, desto strikter sich die Parteien an die rechtlichen Vorgaben und Richtwerte für die Schadensregulierung halten.

In seinen einleitenden Worten wies der Vorsitzende der Hegegemeinschaft Peter Lepke darauf hin, dass der Umfang der Wildschäden unvermindert hoch sei. Zwischen Jagdpächtern und Landwirten seien klare Vorgehensweisen zu vereinbaren, um auftretende Wildschäden weitestgehend im gütlichen Einigungsverfahren regeln zu können. Landwirte, Jagdpächter, Wildschadenschätzer und die Verfahrensführer der Gemeinden müssen die Spielregeln kennen, damit Streit bei der Wildschadensregulierung erst gar nicht entstehe. Daher habe er auch alle Beteiligten eingeladen, denn es sei besser miteinander zu reden als übereinander.

Dr. Lißmann, referierte anschließend zum rechtlichen Verfahrensablauf bei der Wildschadensregulierung, zu Wildschadensvereinbarungen im Jagdpachtvertrag und zu den fachlichen Grundlagen für eine realistische Schadensbewertung. Sein Credo ist: Wildschäden vermeiden und erforderliche Schadensersatzleistungen zwischen den Beteiligten nach den vorgegebenen Richtwerten einvernehmlich regeln.

Rechtlicher Verfahrensablauf

Nach Möglichkeit sollte sich der Landwirt mit dem Jagdpächter auf privatem Wege, ohne amtliche Stellen, ohne gesetzliches Vorverfahren und ohne Gerichtsverfahren, einigen. Aber auch bei der ganz privaten Einigung ist es angebracht, so Dr. Lißmann, einen kurzen schriftlichen Vermerk über das Ergebnis anzufertigen und beidseitig zu unterschreiben, um spätere Missverständnisse auszuschließen. Bei großen und streitbefangenen Schäden kann es von Vorteil sein, das korrekte Vorverfahren mit fristgerechter Schadensanmeldung bei der Gemeinde durchzuführen. Das Hessische Jagdgesetz (HJG) schreibt dazu einen genauen Verfahrensablauf vor, der vom Referenten detailliert vorgestellt wurde. Nur 5 bis 10 Prozent der Wildschadensfälle werden über das amtliche Vorverfahren geregelt. Zum Gericht gehen zum Glück nur ganz wenige Fälle. Die Kosten sind dabei oft höher als der Streitwert.

Nicht alles ist ersatzpflichtig

Nicht jeder Wildschaden ist ersatzpflichtig. Zu ersetzten sind nur Schäden, die durch Schalenwild, Wildkaninchen und Fasane verursacht werden. In unserer Region ist das Schwarzwild mit rund 80 % der Schäden der hauptsächliche Wildschadensverursacher. Bestimmte Kulturen wie beispielsweise Getreide, Raps, Mais und Grünland sind ersatzpflichtig. Garten- und Sonderkulturen sowie Streuobstwiesen oder auch Golf- und sonstige Sportplätze sind beispielsweise nur ersatzpflichtig, wenn sie vorschriftsmäßig eingezäunt sind. Schäden an Feldsilos und im Feld gelagerte Silage- bzw. Heuballen sind nicht ersatzpflichtig. Ersatzpflicht für Wildschäden besteht nur auf den bejagbaren Flächen und nicht auf den befriedeten Bezirken. Letztlich ist bei der Schadensersatzpflicht auch immer zu prüfen, ob der Landwirt seiner Pflicht zur Schadensminderung gemäß § 254 BGB nachgekommen ist, so Dr. Lißmann.

Bewertung von Aufwuchsschäden

Für die Bewertung von Wildschäden in landwirtschaftlichen Kulturen hat der Referent Richtwerttabellen erstellt, aus denen die Schadensersatzbeträge für die jeweils geschädigten Anbaukulturen inklusive Grünland abzulesen sind. Dr. Lißmann erläuterte eingehend die Vorgehensweise, wie mit Hilfe dieser Tabellenwerte, für Jagdpächter und Landwirte nachvollziehbar, die Schadensbewertung durchzuführen ist. Diese Tabellenwerte und weitere Informationen zum Thema sind sowohl für konventionell als auch für ökologisch wirtschaftende Betriebe im Internet unter www.lissmann.eu verfügbar.

Schwarzwildschäden im Grünland

Bei Schwarzwildschäden im Grünland ist nicht nur der Aufwuchsschaden ersatzpflichtig sondern auch die Wiederherstellung der aufgewühlten und zerstörten Grasnarbe. Die Kosten für die Reparatur der durch Wildschweine zerstörten Grasnarbe beziffert Dr. Lißmann auf 2 bis 20 Cent pro Quadratmeter. Die Kosten sind abhängig von der Tiefe der Wühlschäden und ganz entscheidend von dem zu reparierenden Schadflächenumfang. Bei mittlerer Schadenstiefe von 5 bis 10 cm sind bei kleineren Schäden bis etwa 500 Quadratmeter  im Handarbeitsverfahren rund 15 bis 25 Cent pro Quadratmeter zu kalkulieren. Bei Schadensflächen von ca. 1.000 Quadratmeter bis 1 ha werden oft betriebseigene Maschinen eingesetzt, dabei entstehen Kosten von 4 bis 10 Cent pro Quadratmeter. Bei Schäden über einem Hektar lohnt es sich Spezialmaschinen oder Maschinenkombinationen einzusetzen, wobei die Kosten auf 2 bis 4 Cent pro Quadratmeter gesenkt werden können.

Vertragliche Regelungen

Wegen unkalkulierbarer Kosten, in sehr wildschadensanfälligen Revieren, gibt es verschiedene Vereinbarungen in den Jagdpachtverträgen, um das Wildschadensrisiko für den Jagdpächter zu verringern. Eine  oft, vom Jagdpächter angestrebte Vereinbarung, ist die Deckelung des Wildschadensersatzes. Wenn das schon so ist, so Dr. Lißmann, dann sollte wenigstens der nicht gedeckte Wildschaden zu je 50 % auf den Jagdpächter und die Jagdgenossenschaft aufgeteilt werden. Das hat den Vorteil, dass einerseits das finanzielle Risiko für die beteiligten gemindert wird und andererseits die zwingende Verpflichtung zur Wildschadenverhütung beim Jagdpächter und beim Landwirt aufrechterhalten wird. Eine andere Absicherung für den Jagdpächter könnte sein, dass bei überschreiten einer bestimmten Wildschadensumme, der Jagdpachtvertrag neu verhandelt werden kann. Das sollte dann auch umgekehrt für die Jagdgenossenschaft gelten, wenn die Jagdpächter der Wildbestandsregulierung nicht nachkommen. 

Abschließend appelliert der Referent nochmals daran, dass sich Jagdpächter und Landwirten zusammenraufen müssen. „Nur wo der feste gemeinsame Wille zur Wildschadensverhütung und nachvollziehbaren Schadensermittlung besteht, können die Probleme einvernehmlich gelöst werden“, schloss Dr. Lißmann.